A Pädagogische Maßnahmen

A.1 Stärkung der Kernkompetenzen: Lesen, Schreiben und Rechnen

A.2 Praxisnahe Weiterbildung – vor Ort

A.3 Beschleunigung der Digitalisierung

 

B Strukturelle Maßnahmen

B.1 Vier- statt sechsjährige Grundschule

B.2 Abschaffung des Mittleren Schulabschlusses (MSA) an Gymnasien

B.3 Gründung eines Berliner Instituts für Schulqualität und Lehrerbildung

 

 

 

A Pädagogische Maßnahmen

 

A.1 Stärkung der Kernkompetenzen: Lesen, Schreiben und Rechnen

Berlin ist in den letzten Jahren bei der Erreichung der Regelstandards in Deutsch und Mathematik unter den Schlusslichtern geblieben. Laut IQB-Studie von 2016 verfehlten beispielsweise 20 Prozent der Berliner Regelstandards im Lesen. Die bundesweiten Auswüchse eines mangelhaften Rechtschreibunterrichts erreichen inzwischen auch die Universitäten. So stellt das Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen (UDE) fest, dass unter den Lehramtsstudenten für das Fach Deutsch deutliche Defizite im Bereich Rechtschreibung und Grammatik vorliegen.

Erschreckend auch die aktuellen Zahlen über die Schulabschlüsse in Berlin: Sieben Prozent der Berliner Schulabgänger nach der 10. Klasse hatten im vergangenen Jahr keinen Abschluss. Ihr Anteil lag damit um zwei Prozentpunkte (oder 40 Prozent) höher als in den beiden Vorjahren, als fünf Prozent der Zehntklässler Sekundarschulen und Gymnasien ohne Abschluss verließen.

Künftig muss mehr Zeit für die Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen in der Stundentafel der Grundschule zur Verfügung stehen, notfalls durch Erhöhung der Wochenstunden in Deutsch und Mathematik. Diese Kernkompetenzen sind der Schlüssel für einen nachhaltigen Lernerfolg in den weiterführenden Schulen. Es kann keine Lösung sein, dass das Kerngeschäft der Grundschule, den Kindern das Schreiben und Rechnen beizubringen, schrittweise auf die Kitas zu übertragen.

Der Unterricht sollte in den Grundschulen hinsichtlich des Lehrpersonals differenziert werden. Die Vermittlung von Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen sollten von voll ausgebildeten Fachlehrkräften; Übungen und Anwendungen von Quereinsteigern übernommen werden.

Überlegt werden sollte darüber hinaus, ob die Förderung der Sprachkompetenz auch fachübergreifend erfolgen sollte. Hierzu müssten den Schulen sowohl methodische Anleitungen als Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt werden.

Lehrer sollten endlich von bürokratischen Aufgaben entlastet werden, damit sie sich auf das Kerngeschäft, den Unterricht, konzentrieren können. Nicht nur die Schulleitung, sondern auch jeder Klassenlehrer sollte eine Verwaltungsgehilfen, der keine Lehrbefähigung besitzen muss, an die Seite gestellt bekommen.

Fragwürdige Lernmethoden wie „Schreiben nach Gehör“ oder „Lesen durch Schreiben“, wonach Schüler möglichst viel frei und unkorrigiert schreiben und das Lesen darüber mitlernen, sollten zugunsten bewährter Verfahren, wie der Fibelmethode, an Grundschulen überhaupt nicht mehr vermittelt werden. Es sollte sich in diesem Kontext nicht darauf berufen werden, man müsse den Lernbedürfnissen jedes Kindes mit individuellen Lernangeboten gerecht werden.

 

A.2 Praxisnahe Weiterbildung – vor Ort

Überlegenswert ist auch ein Umdenken bei der Weiterbildung. Die Berliner Schullandschaft ist äußerst vielfältig: Es gibt nicht nur mehrere Schulformen und in den Bezirken eine unterschiedliche Schülerklientel, sondern die Schulen entwickeln auch individuelle Profile, Schulprogramme und schulinterne Curricula. Es gibt Schulen mit offenem und gebundenem Ganztagsbetrieb. Daher bedarf es auch einer individuellen Weiterbildung: vor Ort. Die Weiterbildung sollte vorrangig an den Schulen stattfinden. Pädagogische Angebote und Konzepte sollten in Absprache mit der Schulleitung und den Fachbereichen einerseits sowie den Veranstaltern andererseits auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schule zugeschnitten werden.

 

A.3 Beschleunigung der Digitalisierung

Es gibt in Berlin zwar kein eigenes Fach Digitale Bildung, aber seit der letzten Lehrplanreform ist die Medienbildung im Lehrplan verankert. Schüler sollen dann neben Textverarbeitung auch Grafik-, Bild-, Audio- und Videobearbeitung lernen. Und die Lehrer? Es wird nicht ausreichen, Klassenräume flächendeckend mit Smartboards auszustatten („Berlin wird kreidefrei!“).

Voraussetzung sind Weiterbildungsangebote und die Bereitstellung bzw. professionelle Wartung einer zeitgemäßen IT-Infrastruktur, die entweder von einem fest angestellten IT-Beauftragten in jeder Schule betreut wird oder von professionellen Administratoren, die von einem gemeinsamen Server für alle Schulrechner die Hard- und Software pflegen.

 

 

B Strukturelle Maßnahmen

 

B.1 Vier- statt sechsjährige Grundschule

Wer in Berlin und Brandenburg die sechsjährige Grundschule in Frage stellt, gilt als Befürworter der Selektion, die vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteilige. Dass sechs Jahre Grundschule mehr Gerechtigkeit und einen größeren Lernerfolg fördern als vier Jahre, lässt sich jedoch empirisch kaum nachweisen. Der Psychologe Kurt Heller (Universität München) sieht in der sechsjährigen Grundschule keine erkennbaren Vorteile, wohl aber Nachteile: „Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern tangieren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung.“ Zudem gäbe es keine Studien, die höhere Trefferquoten nach einer fünf- oder sechsjährigen Grundschulzeit nachweisen konnten. Auch der Bildungsforscher Rainer Lehmann (Humboldt-Universität Berlin) ist der Auffassung, dass die Kinder durch eine sechsjährige Grundschule gebremst würden. Der Rückstand am Ende der 6. Grundschulklasse betrage im Lesen eineinhalb Jahre, in Mathematik und Englisch zwei Jahre.

Und die Berliner Schulstruktur entkräftet auch das Argument, der zu frühe Wechsel sei sozial ungerecht und benachteilige Spätentwickler. Denn erstens wird die sechsjährige Grundschule durch die vielen grundständigen Züge (Gymnasium ab Klasse 5) längst unterlaufen; inzwischen wird eine solche Möglichkeit an 35 Gymnasien (Schuljahr 2016/17) angeboten. Schulleiter, die an ihren Schulen grundständige Züge anbieten, sehen darin eine „perfekte Frühförderung“. Sie sind der Auffassung, dass die Schüler mit Gleichinteressierten auf deutlich höherem Niveau arbeiten würden, als das an den Grundschulen möglich sei.

Zweitens wird mit dem Wechsel nach der vierten Klasse auf das Gymnasium oder die Integrierte Sekundarschule keine Entscheidung über den Schulabschluss getroffen. Denn beide Schulformen bieten das Abitur an: am Gymnasium nach 12 Jahren, an den meisten ISS nach 13 Jahren.

Und drittens würde man mit der vierjährigen Grundschule ein gravierendes Problem – ganz nebenbei – beheben: den akuten Mangel an Grundschullehrern.  

 

B.2 Abschaffung des Mittleren Schulabschlusses (MSA) an Gymnasien

Der 2006 eingeführte MSA hat sich für die Gymnasien als nicht sinnvoll erwiesen. Er führt zu Unterrichtsausfall und bindet Ressourcen. Außerdem ist er kein aussagekräftiger Qualitätsindikator, denn das nahezu 100prozentige Bestehen der zentralen MSA-Prüfungen in Deutsch, Mathe und Englisch an Gymnasien schönt die Berliner Statistik.

Die Forderung zur Abschaffung des MSA wird seit langem von der Vereinigung und seit 2015 auch vom Landeselternausschuss (LEA) gefordert. Stattdessen sollten Gymnasiasten mit der erfolgreichen Versetzung in die 11. Klasse den MSA automatisch erhalten. Das entspricht auch der Praxis in anderen Bundesländern.

 

B.3 Gründung eines Berliner Instituts für Schulqualität und Lehrerbildung

Berlin braucht auch eine Qualitätsoffensive in der Lehrerbildung – eine Bildung, die nicht mit dem zweiten Staatsexamen endet.

Das Institut würde erstens für die enge Kooperation mit den Universitäten für Studentenpraktika, für das Referendariat und für die Lehrerweiterbildung verantwortlich sein.

Zweitens ließen sich diese Landes-Institute zu Kompetenzzentren für Schulqualität entwickeln. Dazu würde beispielsweise gehören, den vorgegebenen Lehrplan mit konkreten Unterrichtsbeispielen anzureichern und die Schulen bei der Entwicklung eines schulinternen Curriculum zu unterstützen.

Außerdem könnten sie sich drittens an der Entwicklung neuer pädagogischer Konzepte und an Forschungsprojekten der Universitäten sowie anderer wissenschaftlicher Einrichtungen beteiligen.

 

Robert Rauh, 22.1.2019