Es gibt Einiges, das ich am deutschen Schulsystem bemängele: Angefangen beim zu frühen Unterrichtsbeginn über die Unterschiede in den einzelnen Bundesländern, die zu rar in den Schulalltag integrierten sportlichen und künstlerischen Aktivitäten - insbesondere an Ganztagsschulen - bis hin zur mangelhaften vorschulischen Förderung der Kinder.

Mein wichtigster Kritikpunkt betrifft jedoch nicht das System, sondern die Ausbildung der Lehrer.
Meine drei Kinder berichten mir regelmäßig von Lehrersprüchen wie:

"Wer's jetzt immer noch nicht verstanden hat, ist zu blöd für Mathe";

"Mindestens die Hälfte von euch ist zu nichts Nutze";

"Für Kinder wie euch gibt's Sonderschulen";

"Passt bloß auf, dass ihr an der Himmelspforte nicht mit dem Fahrstuhl nach unten geschickt werdet";

"Würde an unserer Schule für die Pisastudie getestet, würde Deutschland den letzten Platz belegen".

Dass sich die jeweiligen Schulprogramme dennoch dafür rühmen, ihre Schüler in ihrer Individualität zu fördern und sie zu selbstbewussten Menschen mit respektvollem Umgang untereinander zu erziehen, wirkt angesichts solcher Aussagen wie eine Farce.

Sicherlich ist der Lehrerberuf kein leichter, und das Interesse pubertierender Kinder an Logarithmen oder Karl dem Großen zu wecken, ist unbestritten eine Herausforderung.

Aber es muss doch trotzdem möglich sein, den Schülern zu vermitteln, dass Lehrer nicht gegen sie, sondern mit ihnen zusammenarbeiten. Angefangen damit, dass Schüler nicht niedergemacht werden, wenn ihnen etwas nicht gelingt, sondern dass sie im Gegenteil dazu angespornt werden, sich Herausforderungen zuzutrauen. Wie sonst können wir es schaffen, optimistische und eigenständige Denker auszubilden, die die altbekannten Pfade mit visionären Gedanken auch mal verlassen.

Lilian Thoma, Autorin, u.a. des Romans "Wer hat Angst vorm zweiten Mann?", 1. Februar 2014