7-Punkte-Programm für mehr Attraktivität des Lehrerberufs

In Berlin fehlen Lehrer. Seit Jahren. Und noch viel länger ist diese Personalnot bekannt. Offensichtlich kann die Hauptstadt beim Wettbewerb um qualifizierte Lehrkräfte im Bundesgebiet nicht mithalten. Jüngster Verzweiflungsakt des Senats: Mit kreativen Sprüchen wie „Kiez statt Kaff“ im Rahmen einer 100.000-Euro-Anzeigenkampagne wird nun auch in Österreich und Holland nach Lehrern gesucht. Das ist die Bankrotterklärung einer über Jahre verschleppten Personalpolitik. Hinterhof Berlin.

Die wichtigste Herausforderung für die Bildungspolitik in Berlin ist eine ausreichende Versorgung der Schulen mit Fachkräften. Denn qualifizierte und motivierte Pädagogen sind entscheidend für den Lernerfolg der Schüler. Die Gewinnung neuer Lehrer wird es jedoch nicht kostenneutral geben. Daher sollte Berlin im Bereich Bildung nicht kleckern, sondern klotzen. Für die Zukunft unserer Kinder. Und die unserer Stadt.

Das folgende 7-Punkte-Programm resultiert aus vielen Gesprächen mit Studenten und Referendaren sowie der Zuarbeit meiner Kollegen. Es sind Maximalforderungen, die sich auch schrittweise umsetzen lassen.

 

1 Studienplätze, Stipendien und Lohnanpassung für Grundschulpädagogen

In Berlin fehlen vor allem Grundschullehrer. Der Senat hat es u.a. versäumt, die Hochschulverträge entsprechend anzupassen, obwohl der Mehrbedarf spätestens seit seinem Amtsantritt 2011 bekannt war. Das jetzt aufgelegte Sofortprogramm zur Aufstockung der Studienplätze greift erst in ein paar Jahren, wenn die Absolventen die Universitäten verlassen haben. Bei der Neuverhandlung der Hochschulverträge 2017 müssen die Kapazitäten für Studienplätze deutlich erhöht werden und Stipendienprogramme für Lehramtsstudenten aufgelegt werden. Ungeachtet dessen ist für die Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs in den Grundschulen eine Lohngerechtigkeit überfällig: Grundschulpädagogen müssen das gleiche Gehalt bekommen wie ihre Kollegen in den Oberschulen.

 

2 Tarifvertragliche Gleichstellung von angestellten Lehrkräften

Berlin ist neben Sachsen und Thüringen das einzige Bundesland, das seine Lehrkräfte nicht mehr verbeamtet. Ungeachtet vieler, bisher erfolgloser Streiks – von Bildet Berlin! und der GEW initiiert - gibt es in Berlins Lehrerzimmern nach wie vor eine Ungleichbehandlung der angestellten Pädagogen. Das ist ein entscheidender Grund, warum viele Uni-Absolventen aus anderen Bundesländern nicht in die Hauptstadt wechseln wollen. Diesen Standortnachteil gilt es zu beseitigen:

Entweder es wird endlich eine tarifvertragliche Bezahlung und Lohngerechtigkeit gegenüber den verbeamteten Kollegen hergestellt oder Berlin führt die Verbeamtung wieder ein.

 

3 Kleine Klassen – an allen Schulformen

Mecklenburg-Vorpommern hat es vorgemacht: Seit Jahren wird mit dem Slogan „Willst du achtzehn Kinder von mir? Kleine Klassen und Meer“ um Lehrer geworben. Weil es in dem Bundesland keine gesetzliche Obergrenze gibt, rauscht die Wirklichkeit dem flotten Werbespruch allerdings häufig hinterher, wie eine Anfrage der Grünen ergab. In anderen Bundesländern gibt es aber entsprechende Regelungen: In Hessen sind für Grundschulklassen maximal 25 Schüler vorgesehen. In Sachsen gilt für alle Schularten eine einheitliche Klassenobergrenze von 28 Schülern. Welchen Einfluss die Klassengröße auf den Lernerfolg hat, ist unter Bildungsforschern umstritten. Aber unbestritten ist, dass individuelles Lernen, eine gezielte Sprachförderung – gerade auch für Flüchtlingskinder – sowie eine erfolgreiche Inklusion nur in kleinen Gruppen möglich sind. Es ist ungerecht, dass nur in der Integrierten Sekundarschule für die Klassen 7 und 8 eine Obergrenze von 26 Schülern gilt. Auch in Klasse 9 und 10 sowie an den Gymnasien haben wir es mit einer verstärkt heterogenen Schülerschaft zu tun. Für alle Schulformen und Jahrgangsstufen sollte es daher eine maximale Höchstgrenze von 26 Schülern geben.

 

4 Entlastung bei der Unterrichtsverpflichtung

In Berlin sind die Arbeitszeiten für Lehrkräfte in den letzten Jahren immer wieder erhöht worden, z.B. 2003 die Unterrichtszeit für Gymnasiallehrer von 24 auf 26 Stunden pro Woche. Die Hauptstadt liegt im Vergleich zu anderen Bundesländern an der oberen Grenze. Zusätzliche Verpflichtungen wie die Vorbereitung der Schulabschlüsse, z. B. Konsultationen für Präsentationsprüfungen (MSA, Abitur) sind hierbei nicht eingerechnet. Im letzten Schuljahr wurde darüber hinaus die Zahl der Anwesenheitstage am Ende der Sommerferien um zwei erhöht. Diese faktische Arbeitszeiterhöhung wurde durch keine Entlastung an anderer Stelle kompensiert.

Eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung um 2 Stunden für alle Schulformen ist dringend geboten. Die reduzierten Stunden könnten dann für eine Vertretungsreserve verwendet werden, um den Unterrichtsausfall zu minimieren. Auch andere Modelle sind denkbar: Ermäßigungsstunden für Lehrer mit korrekturstarken Fächern bzw. Lehrer in Inklusionsklassen oder zusätzlichen Verpflichtungen (s. Pkt. 5).

Für Quereinsteiger im berufsbegleitenden Referendariat muss die Unterrichtsverpflichtung von bisher verpflichtenden 19 Stunden auf 12 Stunden reduziert werden.

 

5 Anreize und Aufstiegschancen

Lehrer sollten für außerunterrichtliches Engagement nicht nur gelobt, sondern auch belohnt werden. Es bedarf zusätzlicher Anreize wie Ermäßigungsstunden für Aktivitäten wie Projektarbeit, die Gewinnung außerschulischer Kooperationspartner sowie für Aufgaben im Bereich der Schulentwicklung: Mitarbeit am Schulprogramm, in Steuergruppen, bei der Umsetzung eines Ganztagsbetriebes, der Integration von Willkommensklassen und der Inklusion.

Darüber hinaus sollte in der Lehrergewinnung mit attraktiven Aufstiegschancen geworben werden. Dazu zählen nicht nur die traditionellen Wege wie Fachbereichsleiter oder Pädagogischer Koordinator, sondern auch die Schaffung von Funktionsstellen für Tätigkeiten, die bisher nur in anderen Bundesländern honoriert werden, beispielsweise für Fachseminarleiter, die neuen Fachleiter (Verantwortliche für Praxissemester) oder Inklusionsbeauftragte.

 

6 Unterstützung bei der Medienbildung

Schüler trauen laut einer neuen Umfrage ihren Lehrern im Umgang mit digitalen Medien nicht viel zu. Die Praxis zeigt: zu recht. Es wird in Berlin zwar kein eigenes Fach Digitale Bildung geben, aber ab dem Schuljahr 2017/18 ist die Medienbildung im Lehrplan verankert. Schüler sollen dann neben Textverarbeitung auch Grafik-, Bild-, Audio- und Videobearbeitung lernen. Und die Lehrer? Es wird nicht ausreichen, Klassenräume flächendeckend mit Smartboards auszustatten („Berlin wird kreidefrei!“). Voraussetzung sind Weiterbildungsangebote und die Bereitstellung bzw. professionelle Wartung einer zeitgemäßen IT-Infrastruktur, die entweder von einem fest angestellten IT-Beauftragten in jeder Schule betreut wird oder – wie das Hasso-Plattner-Institut vorschlägt - von professionellen Administratoren, die von einem gemeinsamen Server für alle Schulrechner die Hard- und Software pflegen.

 

7 Praxisnahe Weiterausbildung – vor Ort

Überlegenswert ist auch ein Umdenken bei der Weiterbildung. Die Berliner Schullandschaft ist äußerst vielfältig: Es gibt nicht nur mehrere Schulformen und in den Bezirken eine unterschiedliche Schülerklientel, sondern die Schulen entwickeln auch individuelle Profile, Schulprogramme und schulinterne Curricula. Es gibt Schulen mit offenem und gebundenem Ganztagsbetrieb. Daher bedarf es auch einer individuellen Weiterbildung: vor Ort. Die Weiterbildung sollte vorrangig an den Schulen stattfinden. Pädagogische Angebote und Konzepte sollten in Absprache mit der Schulleitung und den Fachbereichen einerseits sowie den Veranstaltern andererseits auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schule zugeschnitten werden.

 

Robert Rauh