Die Politik ist nicht allein verantwortlich:

Gründe für den Lehrermangel

Was die Politik nicht voraussehen konnte: Es kommen mehr Kinder zur Welt als erhofft; die Gebrutenrate steigt. Offenbar greift die Familienpolitik stärker als erwartet. Hinzu kommen die vielen geflüchteten Kinder. An fast jeder Schule wurden Willkommensklassen eingerichtet. Die Kinder und Jugendlichen sollen mittelfristig in die Regelklassen integriert werden.

Die Politiker sind jedoch nicht schuldlos. Es war ja bekannt, dass die Pensionierungswelle auf uns zurollt. Sie hält noch immer an: In vielen Lehrerzimmern ist der Altersdurchschnitt jenseits der fünfzig. Und dennoch wurden keine zusätzlichen Studienplätze geschaffen. In Berlin war die Anzahl der Plätze im Grundschulbereich sogar gedeckelt, obwohl klar war, dass der Bedarf in der Grundschulpädagogik besonders groß sein würde.

Vernachlässigt wurden auch die angemessene Gestaltung der Rahmenbedingungen, obwohl die Schule vor immensen Herausforderungen wie Inklusion, Integration, Ganztagsbetrieb sowie Schulsanierung steht. Um den Haushalt zu sanieren, wurde jahrelang gespart - ausgerechnet in der Bildung, unseren wichtigsten Rohstoff. Die Rechnung bekommen wir nun alle präsentiert.

 

Die Politik kann etwas tun:

5-Punkte-Plan gegen Lehrermangel

 

1 Noch mehr Quereinsteiger!

Für die Sicherung der Unterrichtsqualität einzutreten und gleichzeitig mehr Quereinsteiger zu fordern, klingt auf den ersten Blick paradox. Aber Berlin wird auch in Zukunft den Unterrichtsbedarf ohne sie nicht abdecken können. Um Quereinsteiger qualitätsgerecht auszubilden und vor allem zu verhindern, dass sie das berufsbegleitende Referendariat abbrechen oder das Staatsexamen nicht bestehen (belastbare Zahlen existieren leider noch nicht), muss die Unterrichtsverpflichtung für Quereinsteiger von bisher verpflichtenden 19 Stunden auf 12 Stunden gesenkt werden. Ein Konzept von 2014, auf das sich alle Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus geeinigt hatten, sah zumindest vor, die Anzahl der Unterrichtsstunden von 19 auf 17 zu senken. Umgesetzt wurde es bisher nicht. Letztendlich würde eine Reduzierung bedeuten: noch mehr Quereinsteiger. Aber die Gefahr, dass in sie investiert wird und sie dann doch nicht den komplexen Anforderungen des Lehrerberufs gewachsen sind und das Referendariat abbrechen, wäre deutlich gebannt.

 

2 Schneller mehr Grundschulpädagogen

In Berlin fehlen vor allem Grundschullehrer. Der Berliner Senat hat es u.a. versäumt, die Hochschulverträge entsprechend anzupassen, obwohl der Mehrbedarf spätestens seit 2011 bekannt war. Neben der bereits erfolgten Erhöhung der Kapazitäten für Studienplätze sollten daher Stipendienprogramme für Lehramtsstudenten sowie bei guten und sehr guten Leistungen von Lehramtsstudenten die Möglichkeit geschaffen werden, die Studienzeit zu verkürzen.

Zudem dürfen nicht nur neu eingestellte Grundschulpädagogen das gleiche Gehalt bekommen wie ihre Kollegen in den Oberschulen.

Ungeachtet dessen sollte man gezielt geflüchtete Lehrer ansprechen, die ja eine pädagogische Ausbildung besitzen. Wenn Sie die deutsche Sprache erlernen oder bereits beherrschen, wären sie für Kinder in den Flüchtlingsklassen und Schüler mit Migrationshintergrund in den Regelklassen zugleich ein Vorbild.

 

3 Anwerbung von Studenten und Rekrutierung von pensionierten Lehrern

Um die Lehrer endlich spürbar von der Bürokratie zu entlassen, sollten gezielt Lehramtsstudenten für einen Nebenjob an den Schulen geworben werden. Dieser Nebenjob wäre in jeder Hinsicht sinnvoller, als im Cafe zu kellnern oder im Supermarkt Waren in die Regale zu packen. Sie könnten die Lehrer bei der Unterrichts- und Erziehungsarbeit unterstützen, Arbeitsgemeinschaften leiten, Hausaufgabenhilfe anbieten, Statistiken pflegen sowie die Koordination mit den Behörden und außerschulischen Kooperationspartnern übernehmen.

Außerdem müssen pensionierte Lehrkräfte kontaktiert werden, die bereit sind, einzelne Klassen bzw. Kurse (wieder) zu unterrichten, wenn kein Lehrer gefunden wurde, oder in Notfällen die Vertretung übernehmen, wenn ein Lehrer längerfristig ausfällt .

 

4 Entlastung bei der Unterrichtsverpflichtung

Auch diese Forderung klingt angesichts des akuten Lehrermangels paradox. Denn würde die Unterrichtsverpflichtung gesenkt, müssten noch mehr Lehrer eingestellt werden. Aber im Vergleich zu anderen Bundesländern liegt die Hauptstadt ohnehin an der oberen Grenze, was der Attraktivität des Lehrerberufs nicht dienlich ist.

Dabei wurde im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag von 2016 festgeschrieben, der Senat wolle die Überlastung der Lehrkräfte deutlich reduzieren. Diesem Ziel müssen endlich konkrete Taten folgen. Eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung um 2 Stunden für alle Schulformen ist dringend geboten. Die reduzierten Stunden könnten dann für eine Vertretungsreserve verwendet werden, um den Unterrichtsausfall zu minimieren. Auch andere Modelle sind denkbar: Ermäßigungsstunden für Lehrer mit korrekturstarken Fächern bzw. Lehrer in Inklusionsklassen oder zusätzlichen Verpflichtungen.

Reduziert man die Belastung, würden viele Lehrer auch auf eine Teilzeitarbeit verzichten. Von den knapp 31.000 Lehrern sind derzeit 8084 Pädagogen in Teilzeit. Das ist fast jeder vierte. Es sind vorrangig Frauen. Grund ist nicht allein die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern vor allem die Dauerüberlastung, die sich viele Kollegen einfach nicht mehr zumuten wollen. Wenn nur die Hälfte der Pädagogen auf ihre Teilzeit aufgrund besserer Rahmenbedingungen verzichten würde, dann könnte man auf einen Schlag 700 Quereinsteiger einsparen.

 

5 Tarifvertragliche Gleichstellung von angestellten Lehrkräften

Berlin und Sachsen sind (noch) die einzigen Bundesländer, die ihre Lehrkräfte nicht mehr verbeamten. Thüringen hat in diesem Schuljahr die Verbeamtung wieder eingeführt. Ungeachtet vieler, bisher erfolgloser Streiks – von Bildet Berlin! und der GEW initiiert - gibt es in Berlins Lehrerzimmern nach wie vor eine Ungleichbehandlung der angestellten Pädagogen. Das ist ein entscheidender Grund, warum viele Uni-Absolventen aus anderen Bundesländern nicht in die Hauptstadt wechseln oder nach dem Referendariat nicht in Berlin bleiben wollen. Diesen Standortnachteil gilt es zu beseitigen:

Entweder es wird endlich eine tarifvertragliche Bezahlung und Lohngerechtigkeit gegenüber den verbeamteten Kollegen hergestellt oder Berlin führt die Verbeamtung wieder ein.

 

Robert Rauh