5-Punkte-Plan gegen Lehrermangel

Von Robert Rauh - Gastbeitrag in der Berliner Zeitung vom 28. Juni 2022

Wie lange klagen wir schon über Lehrermangel? Um diese Frage zu beantworten, muss man weit in die Geschichte der Berliner Bildungspolitik zurückschauen. In eine Zeit, in der die öffentliche Debatte noch nicht von Klimawandel, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg dominiert wurde. In eine Zeit, in der man den Mangel als Teil einer scheinbar unvermeidbaren Bildungskrise gesehen hat. Nun ist die Krise zur Katastrophe geworden. In Berlin werden im neuen Schuljahr mindestens tausend Lehrkräfte fehlen. Aber das ist erst der Anfang. Aufgrund steigender Schülerzahlen in ganz Deutschland wird die Versorgungslücke künftig noch größer. Besonders in Berlin, wo uns im Ländervergleich mit gut 17 Prozent der größte Schülerzuwachs bevorsteht. Bundesweit ergibt sich laut Kultusministerkonferenz für das Schuljahr 2025/26 ein Mangel von 26.000 Lehrkräften, fünf Jahre später sollen es 33.000 sein. Weitaus pessimistischer rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft: Im Schuljahr 2025/2026 würden voraussichtlich 35.000 Lehrkräfte fehlen, 2030/31 gar 68.000. Aus der Lehrkräftelücke wird langfristig eine Bildungslücke – mit ungeahnten Folgen für die gesamte Gesellschaft.

Es liegt nicht am Geld allein
Diese Zahlen zerstören die letzten Hoffnungen, den Mangel übergangsweise mit Quereinsteigern zu überwinden. Viel zu spät wurden die schon seit Jahren aus der Praxis erhobenen Forderungen umgesetzt, Grundschulpädagogen besser zu bezahlen und die Verbeamtung wieder einzuführen. Und viel zu spät reift die Erkenntnis, dass es in Berlin allein am Geld nicht liegt. Auf die Frage, warum sich so wenige für ein Lehramtsstudium entscheiden oder es nach kurzer Zeit abbrechen, antwortete neulich ein ehemaliger Abiturient (2021), der überlegt hatte, Lehrer zu werden: Nicht unter diesen Bedingungen! Ihm fehle im Studium die Praxisnähe und in den Schulen eine moderne Ausstattung. „Wenn mal wieder die WLAN-Verbindung zusammenbricht, will ich nicht auf die Kreidetafel zurückgreifen müssen.“

Kurz- und langfristige Maßnahmen
Auch wenn sich diese Aussage nicht empirisch belegen lässt, zeigt sie im Kontext der dramatischen Zahlen, dass es neben kurzfristigen Maßnahmen auch langfristige geben muss, um den Lehrkräftemangel zu beheben. Bei der Suche nach Lösungen sollten zwei Prinzipien gelten. Erstens dürfen sie nicht auf dem Rücken derjenigen ausgetragen werden, die für dieses Staatsversagen in der Bildungspolitik nicht verantwortlich sind: Lehrer:innen und Schüler:innen. Und zweitens sollte jeder Vorschlag geprüft und nicht mit dem Totschlagargument, er sei politisch nicht durchsetzbar, abgeschmettert werden.

1. Echte Anreize für Freiwilligkeit
Mit einem eindringlichen und öffentlich wirksamen Appell sollte der Senat Lehrkräfte mit folgenden Angeboten motivieren: Aufstockung der Pflichtstundenzahl, Reduzierung der Teilzeit (betrifft jede vierte Lehrkraft in Berlin), Erhöhung des Renteneintrittsalters und Wechsel an eine Schule, die händeringend Personal sucht (Wechselprämie). Die finanziellen Anreize in Form von monatlichen Zuschlägen müssten deutlich spürbar und nicht mit neuen bürokratischen Hürden verbunden sein. Hier sollte geklotzt und nicht gekleckert werden. Notfalls müsste der Bund – wie beim Digitalpakt – das Land unterstützen. Oder ist uns Bildung weniger wert als die Bundeswehr?

2. Entlastung der Lehrkräfte
Schon im ersten rot-rot-grünen Koalitionsvertrag (2016) ist versprochen worden, die „Überlastung der Lehrkräfte deutlich zu reduzieren“. Was heißt „deutlich“? Schulleitungen und Lehrkräfte müssten endlich von unnötiger Bürokratie befreit werden. Zudem sollten Pausen- und Prüfungsaufsichten durch externes Personal übernommen werden. Zu überlegen wäre auch, die äußerst zeitaufwändigen Präsentationsprüfungen in Klasse 10 und 12 durch Vorträge im Rahmen des Unterrichts zu ersetzen, von denen ganz nebenbei die Mitschüler:innen profitieren würden. Sinnvoll wären schließlich Ermäßigungsstunden für Lehrkräfte mit korrekturstarken Fächern.

3. Reduzierung der Stundentafel durch Entschlackung der Lehrpläne
Es wird kein Weg an einer Reduzierung der Wochenpflichtstundenzahl für Schüler:innen vorbeiführen, auch wenn die Vereinigung der Oberstudiendirektoren meint, das sei „eine Bankrotterklärung“. Denn weniger Stunden bedeuten nicht automatisch weniger Bildung. Voraussetzung ist eine konsequente Entrümpelung der Lehrpläne. Alle Inhalte sollten auf den Prüfstand. Müssen Schüler:innen in Geschichte die Rolle der Sklaven im antiken Athen untersuchen, in Biologie den Zitronensäurezyklus erklären oder in Mathematik die Schnittgerade zweier sich kreuzender Ebenen im 5-dimensionalen Raum berechnen? Wir belügen uns selbst, wenn wir diese Inhalte zur Allgemeinbildung stilisieren. Und was wäre die Alternative: Weiterhin Unterrichtsausfall hinzunehmen? Oder Unterricht durch unbenotete Lernprojekte zu ersetzen, wie es die Grünen fordern? Die Stundentafel sollte berlinweit einheitlich gekürzt werden. „Wochenstundenkontingente“, wie sie die SPD jetzt vorschlägt, würde die Eigenständigkeit der Schulen erneut überstrapazieren, wenn über diesen Stundenkorridor jede Schulleitung je nach Lage entscheidet. Es besteht die Gefahr, dass sich diese Flexibilität zur Dauerkürzung für ein Mangelfach ausweitet und Schüler:innen am Ende, vor allem im Hinblick auf die Abschlussprüfungen, benachteiligt werden.

4. Vier statt sechs Jahre Grundschule
Mit Vorschlägen zu Strukturreformen begibt man sich auf ein gefährliches Terrain. Wer beispielsweise in Berlin und Brandenburg die sechsjährige Grundschule in Frage stellt, gilt als Befürworter der Selektion, die vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteilige. Dass sechs Jahre Grundschule mehr Gerechtigkeit und einen größeren Lernerfolg förderten als vier Jahre, lässt sich jedoch wissenschaftlich nicht klar belegen. Und die Berliner Schulstruktur entkräftet auch das Argument, der zu frühe Wechsel sei sozial ungerecht und benachteilige Spätentwickler. Denn erstens wird die sechsjährige Grundschule durch die vielen grundständigen Züge (Gymnasium ab Klasse 5) längst unterlaufen; inzwischen wird eine solche Möglichkeit an mehr als 30 Gymnasien angeboten. Sie sehen darin eine „perfekte Frühförderung“, wie es in allen anderen Bundesländern längst der Fall ist. Zweitens wird mit dem Wechsel nach der vierten Klasse auf das Gymnasium oder die Integrierte Sekundarschule keine Entscheidung über den Schulabschluss getroffen. Denn beide Schulformen bieten das Abitur an: am Gymnasium nach 12 Jahren, an den meisten ISS nach 13 Jahren. Und drittens würde man mit der vierjährigen Grundschule ein gravierendes Problem – ganz nebenbei – beheben: den akuten Lehrkräftemangel an Grundschulen.

5. Einberufung eines Schulgipfels
Bildung in Berlin sollte nicht Spielball der Parteien bleiben. Dass weder die Fraktionen im Abgeordnetenhaus noch die Regierungsparteien in der rot-rot-grünen Koalition sich schnell und ideologiefrei auf notwendige Reformen im Schulwesen einigen können, hat die langwierige Diskussion um die Verbeamtung von Lehrkräften gezeigt. Daher sollte – so wie es bereits der Landeselternausschuss gefordert hat – ein Gipfeltreffen einberufen werden, bei dem die Probleme der Berliner Bildungspolitik auf den (runden) Tisch kommen und pragmatische Lösungen diskutiert werden. Ein „echter“ Schulgipfel, an dem nicht nur Politiker:innen und Bildungsexpert:innen, sondern auch die „Betroffenen“, also Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern teilnehmen.

Robert Rauh, 24.6.2022

Zur Person:
Rauh ist Lehrer für Geschichte, Politik und Deutsch an einem Gymnasium in Lichtenberg sowie Fachseminarleiter für Geschichte in Mitte. 2013 wurde er mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet und setzt sich seitdem für Reformen im Bildungswesen ein.