Zwei Jahre Pandemie

Zwei Jahre Pandemie – ein Lehrer erzählt: „Erschöpfung lässt sich nicht messen wie die Corona-Inzidenz“

Von Robert Rauh - 15.02.2022, 00:10 Uhr

Ein Berliner Gymnasiallehrer schildert Kollateralschäden der Krise. Er sagt: „Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, hinter der Maske in der eigenen Spucke zu ertrinken.“

Eigentlich müsste die Stimmung steigen. Weil die Infektionszahlen doch sinken. Aber die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. In den Lehrerzimmern macht sich Erschöpfung breit. Sie lässt sich nicht messen wie die Corona-Inzidenz. Aber sie ist nicht zu übersehen und zu überhören. Und sie droht chronisch zu werden. Schuld ist nicht nur das Virus.

Dass Lehrkräfte sich ausgebrannt fühlen, ist nicht neu. Erschöpfung gehört inzwischen zu ihrem Berufsbild. Einige Kollegen schrammten schon vor der Pandemie haarscharf am Burnout vorbei. Corona macht es jedoch schlimmer. Und verschärft die alten Missstände in der Bildung.

"Die Stimmung kippte zum ersten Mal, als die Vorwürfe kamen." - Robert Rauh, Lehrer

Anfangs hoffte man, die Pandemie an den Schulen irgendwie in den Griff zu bekommen. Und ertrug manches mit Humor. Man trug im Gegensatz zu anderen Einrichtungen sehr früh selbst gebastelte Masken, obwohl sie kaum Schutz boten, predigte die AHA-Regeln, obwohl Seifenspender fehlten, und entwickelte Lüftungskonzepte, weil Luftfilter wie WLAN nicht zur Grundausstattung der Klassenzimmer gehören.

Außerdem bangten andere Berufsgruppen um ihre Existenz. Also fühlte man sich mit verantwortlich: Und kaufte in der Buchhandlung seines Vertrauens einen Schmöker mehr als sonst, bestellte Pizza bei seinem Lieblingsitaliener plus Salat und Süßspeise und spendete in den sozialen Netzwerken der weinenden Friseurin Trost, was die Emojis-Tastatur hergab.

Die Stimmung kippte zum ersten Mal, als viele Lehrkräfte während des Lockdowns zu hören bekamen, sie hätten ja nun zusätzlich Ferien erhalten, weil sie nur noch Aufgaben verschicken, die sie irgendwo kopiert hätten und später nicht kontrollieren würden. Dass die Mehrheit sich bemühte, mittels der immer wieder zusammenbrechenden digitalen Lernräume irgendwie noch etwas zu vermitteln und zu Jugendlichen mit sogenannter „Schuldistanz“ Kontakt zu halten, indem sie bis in den späten Abend Nachrichten schrieb und Telefonate führte, verschwand hinter der medialen Wutwolke der Eltern, die ihre Kinder im Homeschooling betreuen mussten.

Kein Wunder, dass unter Eltern, Lehrern und Politikern Einigkeit herrschte, die Schulen im zweiten Corona-Winter möglichst offen zu halten. Das hat seinen Preis. Im Wochentakt kommen veränderte Corona-Regeln, die immer weniger nachvollziehbar sind, und neue Stunden- und Raumpläne, weil Kollegen in Quarantäne müssen bzw. selbst an Covid erkrankt sind.

Eine produktive Videokonferenz mit 32 Siebtklässlern bleibt eine pädagogische Wunschvorstellung. Über Grenzen des Distanzunterrichts

Der Aufwand für die noch anwesenden Kollegen ist enorm. Es wird vertreten, was die Reserven hergeben. Und morgens fleißig getestet: je nach Lage mehrmals in der Woche. Ängstlich beugt man sich dann beim Kontrollgang über die Testergebnisse und hofft, es ist keiner positiv. Und freitags wartet man gebannt auf den Wochenbrief der Schulleitung, um zu erfahren, welche Farbe der Corona-Schulampel gerade leuchtet. Denn kaum einer will Wechselunterricht oder eine komplette Schließung, weil das noch mehr Arbeit bedeutet.

Eine produktive Videokonferenz mit 32 Siebtklässlern bleibt eine pädagogische Wunschvorstellung. Also regelmäßig die Fenster aufreißen und tapfer die Masken tragen. Hinter FFP2 verschwindet jede Freude am Unterrichten und am kommunikativen Austausch im Plenum. Unterrichtet man sechs Stunden am Stück, beginnt das ganze Gesicht zu schmerzen und die Augen zu tränen. Und man kann sich des Gefühls nicht erwehren, hinter der Maske in der eigenen Spucke zu ertrinken.

Dass es sich um keine gefühlte Erschöpfung handelt, belegen längst nackte Zahlen. Eine DAK-Studie zur Lehrergesundheit kam zu dem Ergebnis, dass die Corona-Pandemie bei 84 Prozent der Befragten zu Mehrarbeit führte, die sich im Mittel in etwa sechs Überstunden in der Woche widerspiegelt. Ein Sechstel hat Angst, sich bei den Schülern anzustecken, und jeder Dritte machte sich Sorgen um die Lernfortschritte.

Knapp 60 Prozent beurteilten das Unterrichten im Vergleich zu früher als deutlich anstrengender. Der Hauptgrund liegt „im Anhalten der Schülerschaft zur Umsetzung der Corona-Schutzmaßnahmen“. Man kommt sich vor wie Kassandra. In den Klassenräumen und auf den Fluren sollen die Schüler Abstand halten, im Bus oder vor der Schule drängen sie sich auf engstem Raum.

Aber lange geht das nicht mehr gut.Eine Kollegin über ihre Erschöpfung

Das Fass lief über, als die Berliner Schulsenatorin ohne Not und ohne Rücksprache mit den Schulen vor den Winterferien die Präsenzpflicht aussetzte. Eltern erwarteten zunächst, dass ihre zu Hause gebliebenen Kinder nun digital beschult werden. Zu spät folgte die behördliche Präzisierung, dass dieser Anspruch nicht bestehe.

Warum läuft der Schulbetrieb noch? Weil sich Pädagogen für den Lernerfolg ihrer Klassen verantwortlich fühlen und weil Schulleitungen versuchen, durch pragmatische Entscheidungen das Chaos zu minimieren. „Aber lange geht das nicht mehr gut“, meinte letzte Woche eine Kollegin aus einer Integrierten Sekundarschule, die inzwischen ihre „emotionale Erschöpfung offen ausspricht“. Was halte sie noch? „Meine Schüler!“

Quelle: Der Tagesspiegel vom 15.02.2022